Gebiete sanfte Herrin mir
Almuts Tochter übernimmt
Rezension von Carsten Hansen
Die Geschehnisse in "Das brennende Gewand" – als Ivo des Mordes verdächtigt wurde – hätten dramatischer kaum sein können. Am Ende konnten sich die Begine Almut und Pater Ivo endlich zu ihrer Liebe bekennen. Andrea Schacht führt uns nun ins Jahr 1402. Almut und Ivo haben Zwillinge bekommen, und inzwischen sind die Kinder, Alyss und Marian, erwachsen geworden. In "Gebiete sanfte Herrin mir" tritt Alyss – nicht ganz freiwillig – das Erbe der Mutter an und beginnt, in ihrem ersten Fall zu ermitteln, als ihr Schwager brutal ermordet wird.
Die einsame Herrin
Alyss ist die unwidersprochene Herrscherin des großzügigen Wohn- und Kontorhauses der van Doorne. Ihr Mann, der Weinhändler Arndt, ist die meiste Zeit des Jahres auf Reisen, kauft Weine im Burgund ein und verkauft bzw. tauscht sie im Norden. Sie führt die Bücher, kümmert sich um das Geschäft in Köln und um das große Haus. Sie ist eine toughe Geschäftsfrau, die ein eigenes Siegel führt, also auch geschäftsfähig ist. Unter den Hausgästen und Bediensteten ist sie für ihr strenges Regiment bekannt. Sie ist eine beeindruckende Frauengestalt, die aber einen tiefen Schmerz in sich trägt. Engster Vertrauter ist ihr Zwillingsbruder Marian. Er kehrte schwer verletzt von einer Handelsreise aus Spanien zurück. Ein Heilkundiger rettete damals sein Leben. Nun möchte auch er Heiler werden und Menschen helfen. Eine Idee, die in der Patrizierfamilie auf nicht allzu viel Verständnis stößt …
Ein Mord in besseren Kreisen
Als Robert van Doorne, Arndts Bruder, tot in einem Weingarten gefunden wird, ist dies nur der Auftakt zu einer Reihe dramatischer Ereignisse, die die Familie und ganz Köln erschüttern sollen. Ist vielleicht John of Lynne, der Geschäftsfreund von Robert, in das Mordkomplott verwickelt? Oder ist der Engländer, der spurlos verschwunden ist, auch Opfer eines Verbrechens geworden? Alyss und ihr Bruder machen sich ganz ohne moderne Untersuchungstechniken an die Rekonstruktion des Mordes. War es Raubmord? Welche Bedeutung hat die englische Münze, die am Tatort zurückgelassen wurde? Geben die Geschäftsbücher von Robert Aufschluss auf mögliche Feinde? Als alle Fragen ohne Antwort zu bleiben scheinen, taucht plötzlich eine wichtige Zeugin auf.
Von der Mutter zur Tochter
Mit Almut Bossart hat Andrea Schacht eine ganz und gar ungewöhnliche Frauen- und Ermittlerfigur geschaffen, die bisher in fünf Romanen ermittelte. In einer Zeit, in der es Frauen vorherbestimmt war, Männern bedingungslos zu Diensten zu sein, ging sie als Begine selbstbewusst und selbstbestimmt ihren Weg. Beginen, das waren Angehörige einer christlichen Laiengemeinschaft, die ordensähnlich organisiert und zeitweise der Verfolgung durch die katholische Kirche ausgesetzt war. Ihr zur Seite stand seit dem ersten Fall, "Der dunkle Spiegel", der Benediktinerpater Ivo. Nun tritt deren gemeinsame Tochter mit Unterstützung ihres Bruders Marian in ihre Fußstapfen.
Kölner Stadtchronik
Andrea Schachts Begine-Almut-Romane – darauf verlassen sich die Leserinnen und Leser nun schon seit 2003 – sind nicht nur spannende Unterhaltung vor historischer Kulisse. Sie sind auch immer eine angenehm unbelehrende Exkursion in die Geschichte der mittelalterlichen Stadt. "Gebiete sanfte Herrin mir" führt uns in das ausklingende Mittelalter. Im Köln des Jahres 1402 ist der Erzbischof weitgehend entmachtet, und eine ständische Verfassung sichert Handwerkern und Kaufleuten nicht nur die Vorherrschaft in der Stadt, sondern soll dem Aufstieg Kölns zur Handelsmetropole den Weg ebnen. Die "Wechsel" revolutionieren als eine Form des bargeldlosen Geldverkehrs das Wirtschaftsleben und spielen auch bei der Aufklärung dieses Mordfalls eine Rolle …
Starke Frauen und gewitzte Vierbeiner
Historischer Roman, Starke-Frauen-Literatur, Wirtschaftskrimi – "Gebiete sanfte Herrin mir" ist vieles, vor allem aber: gute Unterhaltung. Mit Alyss und Marian haben zwei viel versprechende Nachwuchsermittler die Bühne betreten, für die das spätmittelalterliche Köln sicherlich noch einige Fälle bereithalten wird. Dass auch in diesem Roman ein Vierbeiner – hier in Gestalt des Katers Malefiz – einen Gastauftritt hat, dürfte keinen der inzwischen zahlreichen Schacht-Fans verwundern …
Carsten Hansen
(Literaturtest)
Berlin, Juni 2009
